Schüleraustausch in Florida: Halloween, Präsidentschafts-Wahlkampf, Weihnachten und ein Trip nach New Orleans

Dank meiner Gastfamilie hatte ich kaum Heimweh – ich werde die USA vermissen

Erfahrungsbericht von Lennart aus Niedersachsen, der sein Auslandsjahr mit unserem Austausch-Stipendium in Florida verbringt.

Ich habe seit letztem Herbst in Florida viel erlebt

Seit meinem letzten Bericht sind etwa vier Monate vergangen, meine Heimreise liegt leider schon gar nicht mehr so fern und es gibt noch so viel zu erleben. Doch ist auch eine ganze Menge geschehen, auf das ich zurückblicken kann. Der letzte Bericht endete mit meiner Erzählung zum Homecoming Ball, welcher so etwa Mitte September stattfand. Die nächsten paar Wochen verbrachte ich mit neu gefundenen Freunden in der Schule, am Strand oder im nahegelegenen Park. Diese Zeitspanne empfand ich als sehr angenehm, jedoch auch sehr ermüdend. Mein Englisch war zwar ausreichend, um mich mit anderen Leuten zu unterhalten, jedoch hat es sehr viel Konzentration gebraucht und ich schlief eine Menge. Das berichtet aber so ziemlich jeder Austauschschüler in den ersten Wochen.

Der US-Wahlkampf: Schlangestehen für Bill Clinton

Mitte November befanden sich die USA noch mitten im Wahlkampf. Clinton und Trump hatten gerade die drei “Presidential Debates” hinter sich gebracht und waren nun auf ihren Wahl-Rallyes. Kurz nachdem die dritte Debatte vorbei war, kam Bill Clinton nach Pensacola, um für eine mögliche erste Präsidentin zu werben. Es war zwar November, jedoch ist es in Florida auch im November noch ziemlich warm. So standen wir mehr als drei Stunden in der prallen Sonne in der Schlange, um eine einstündige Rede zu hören. Viele meiner Freunde waren dort und Bill Clinton wurde gefeiert wie ein Rockstar.

Mit der Halloween-Zeit kam das nächste Highlight

Die Vorgärten waren geschmückt und all die Süßigkeiten bei Walmart und Co. waren plötzlich in Skelett- und Hexenform. Am 31. Oktober standen dann kleine Mumien und Hexen vor der Tür. Mein Austauschvater selbst war auch den ganzen Tag über verkleidet und schoss mit Gummipfeilen nach mir. Insgesamt war ich bei zwei Halloween-Feiern, bei denen ich mich jeweils einmal quer durch alle möglichen amerikanischen Süßigkeiten durchprobieren konnte.

The Fair: keine Bratwurst und keine Luftgewehre

Was in deutschen Städten mit Osterwiesen, Sommermärkten, Freimarkt und Weihnachtsmärkten beinahe nichts Besonderes mehr ist, wird hier als großes Highlight angesehen: “The Fair”. Dabei handelt es sich um einen relativ großen Jahrmarkt, jedoch bekommt man nach Bezahlung ein Armband am Eingang mit dem man alle Fahrgeschäfte nutzen kann, ohne noch einmal bezahlen zu müssen. Anstatt Luftgewehre gibt es Maschinengewehre und anstatt Bratwurst gibt es Alligator - alles andere ist mehr oder weniger gleich. Zu Anfang waren es nur mein Gastbruder und gemeinsame Freunde, doch später kamen noch einige Austauschschüler hinzu. Dabei war auch jemand aus Deutschland - man kann sich kaum vorstellen wie viel Spaß es macht, mal wieder deutsch zu sprechen nach etwa drei Monaten des Englisch-Sprechens.

Die Woche darauf endete die Footballsaison für Pensacola High School; nach einer Saison mit nicht einmal einem einzigen Sieg, wurde das Team gefeiert, als hätten sie die Meisterschaft gewonnen. Trotz der vielen Niederlagen war die Stimmung nie verloren: selbst im November waren Leute oberkörperfrei, mit großen Buchstaben auf ihren Bäuchen, auf der Tribüne, die Schulband spielte, die Cheerleader gaben ihre Show und es wurde einfach eine große Party gefeiert. In der Show vor dem Spiel hielten die Cheerleader ein Plakat in die Luft mit der Aufschrift “HIDE YO GATORS/ HIDE YO EAGLES/ HIDE YO JAGS/ CAUSE WE BEATIN EVERYBODY OUT”. Die Spieler zerrissen das Plakat und rannten das Feld hinunter, Cheerleader machten Flic-flacs und die Zuschauer hielten Vuvuzelas und Megafone.

Thanksgiving war so gleich und doch so verschieden von dem, was ich mir vorgestellt hatte. Klischeehafte Thanksgiving-Traditionen hatte ich erwartet, jedoch war es weit stressiger als gedacht. Mit dem Kochen fingen wir den Abend zuvor an und waren gerade rechtzeitig fertig, als die ersten Gäste eintrafen. Eric, mein Gastbruder, entschied von vornherein, dass er damit nichts zu tun haben wolle und Sharon, meine Gastmutter, wusste auch, dass dies nicht gewöhnlich war. Vielmehr war das nächtliche Kochen eine persönliche Tradition meines Gastvaters. Insgesamt dauerte das Kochen und Backen zweiundzwanzig Stunden mit bloß einem Nickerchen. Es gab Truthahn und Schinken und dreiunddreißig andere Hauptgerichte und Nachspeisen. Wir bereiteten  alleine neun American Pies zu. Die Arbeit war es wert! Den Rest der Woche gab es köstliche Überbleibsel und selbst jetzt, einige Monate später, tauen wir noch immer Peanut Butter Pie auf.  

Das darauffolgende Wochenende waren wir bei einer Flugshow und trafen uns mit anderen Austauschschülern und deren Austauschfamilien. Pensacola ist bekannt für die Flug-Show der “Blue Angels”. Dabei handelt es sich um blaue Kampfjets, die Pirouetten und andere Flugmanöver zeigen. Wir durften in Kampfjets einsteigen und Fotos mit Piloten schießen. Es gab eine Motorradshow und überall standen Monstertrucks und Kriegsgerät herum. Das ganze fand auf einer Naval Air Station statt und wir wurden mehrfach gefragt, ob wir uns nicht dem Militär anschließen wollten.

Weihnachten in den USA ist ein wenig wie in den Filmen

Weihnachtsmänner im Einkaufszentrum, bunte Lichter in den Einkaufsstraßen und kein Schnee im Süden. Unseren Weihnachtsbaum bauten wir schon Ende November auf und schmückten ihn ganz nach amerikanischer Manier: die Kugeln waren bunt, die Lichter blinkten und ein Großteil des Schmucks war selbst gebastelt. In den Rasen vor dem Haus pflockten wir einen Laser, der das Haus und die Bäume hinter dem Haus anstrahlte. Neben den klischeehaften Krippenfiguren, die beinahe hüfthoch waren, tanzten grüne Punkte an der Hauswand und in den Blättern. Die Nachbarn hatten neben Schmuck auch Lautsprecher und spielten im Dezember Musik, sobald ein Auto eine Lichtschranke passierte.

Den ersten Weihnachtstag habe ich in kurzer Hose auf der Terrasse verbracht. Heiligabend selbst ist weit weniger festlich hier, da Geschenke erst den nächsten Morgen geöffnet werden dürfen; wir waren in der Kirche für einen Weihnachtsgottesdienst und den Rest des Tages verbrachten wir mit Last-Minute-Einkäufen und Holz für ein Lagerfeuer zu sammeln. Der Weihnachtsmorgen war sehr gemütlich. Wir nahmen allesamt mit Eierlikör und Decken auf dem Sofa Platz. Dann machten wir uns einen Spaß daraus, meinen Gastbruder mit den Geschenken hinzuhalten. Unter den Geschenken waren vor allem Unternehmungen, wie z.B. eine gemeinsame Massage.

Gleich nach Weihnachten waren wir auf eine Weihnachtsparty eingeladen - einer “Ugly-Sweater-Party”. D.h. jeder kramte den hässlichsten Weihnachtspullover aus dem Kleiderschrank, den man so zu bieten hatte. Die Feier fand in einem angemieteten Fotostudio statt und hatte sogar einen eigenen DJ. Deutsche Partys sind amerikanischen sehr ähnlich, nur wird mehr getanzt; Alkohol ist komplett verboten. Viele konnten sogar den “Worm” tanzen, eine Breakdance-Bewegung bei der man sich am Boden wie ein Wurm fortbewegt.

Silvester hatten wir eine Menge vor

Den Mittag verbrachten wir mit Freunden auf dem Sofa, dann trafen wir uns mit wiederum mit zwei anderen Freunden zum frühen Dinner. Das Restaurant, das wir besuchten, war authentisch-amerikanisch. Auf der Speisekarte standen Burger in den verschiedensten Varianten. Eine der beiden Freunde war auch ein Austauschschüler und stand an Silvester kurz vor der Ausreise. Nach dem Essen nahmen wir einen Uber - eine Art Taxi - zur Silvesterfeier einer gemeinsamen Freundin. Im Eingangsbereich stand ein Flügel, auf dem jemand am spielen war, jeder hatte sich nett angezogen und wir saßen gemeinsam auf dem gerüschten Sofa mit einem Appetithäppchen von einem Dinner. Dabei bliebe die Stimmung ein wenig aus und die Gruppe fuhr gemeinsam zur “Pelican-Drop Celebration”. In der Innenstadt wird um zwölf Uhr alljährlich eine Art Pelikan-Kunstwerk abgeseilt; Feuerwerk ist dabei nicht so wichtig wie in Deutschland, sondern eher eine Tradition zum “Independence Day”. Dort angekommen setzte der Regen ein und die Straßen waren nach kurzer Zeit geflutet. Das war jedoch kein Hindernis. Alle waren bereits so nass, dass es gar nicht mehr darauf ankam. So hießen wir - halb schwimmend, halb tanzend - das Jahr 2017 willkommen.

Mein Trip nach New Orleans

Zwei Wochen später unternahmen wir einen Trip nach New Orleans in Louisiana. Die Mardi Gras Saison fing gerade so an und die Leute waren schon verrückt nach Mardi Gras Beads. Auf den Dächern standen verkleidete Menschen und warfen all denen Beads zu, die mitten auf der Straße blank ziehen würden. Den ersten Tag gingen wir in den Zoo, fütterten Rochen, besuchten die Partymeile “Bourbon Street” und gingen aus zum Abendessen. Den darauffolgenden Tag schauten wir uns die Umgebung etwas genauer an. Wir machten eine Schifffahrt auf dem Mississippi River, sahen uns das French Quarter an und stießen dabei immer wieder auf Studentenverbindungen, die sich in New Orleans einfach überall befinden.

Ganz typisch sind dabei griechische Großbuchstaben am Eingang, genauso wie junge Typen, die in Polo-Shirt und kurzer Hose im Vorgarten Kicker spielen und Bier trinken. In den USA sind sie bekannt als Frat-Boys (kurz: fraternity - Bruderschaft) und in Deutschland beinahe nur aus Filmen wie “Bad Neighbors”. In den Straßen gab es Schausteller und Karikaturisten, Galerien und Schokomanufakturen. Eine der Schaustellergruppen bezog mich kurzerhand mit ein und so musste ich vor gut zweihundert Zuschauern tanzen. Den letzten Morgen besuchten wir einen katholischen Gottesdienst in der Kathedrale der Stadt.

Probleme mit Heimweh hatte ich nicht

Ich sprach mit anderen Austauschschülern über deren Heimweh und meine eigenen Erfahrungen. Einige berichteten nach etwa zwei Monaten beinahe nach Hause gefahren zu sein. Außerdem berichteten sie, dass sie sich nicht wirklich zu Hause fühlten, aber sich auch nicht von ihrem Gasthaus entfernen mögen, wenn es ihnen schlecht geht. Mit dem Problem hatte ich glücklicherweise nicht zu kämpfen. Meine Gastfamilie behandelt mich wie ein Familienmitglied; ich habe ein eigenes Zimmer und einen Bruder in meinem Alter. Wenn ich mich mal nicht so gut fühle, finde ich sofort Ablenkung, indem ich entweder mit meinem Gastbruder Zeit verbringe oder etwas mit Freunden unternehme.

Ich werde die USA vermissen: meine Pläne für die nächsten Wochen

Mittlerweile bleiben nur noch etwa hundert Tage für mich in den Vereinigten Staaten und ich kann jetzt schon sagen, dass ich es vermissen werde. Um noch einmal so viel zu erleben habe ich eine “Bucketlist” erstellt. Auf der stehen all die Dinge, die ich noch mit Freunden unternehmen will, wie z.B. ein Graffiti an der “Graffiti-Bridge” zu sprühen oder Wakeboarden gehen. Auf jeden Fall wird von nun an kein Wochenende ungenutzt gelassen. Außerdem stehen einige Trips an, darunter eine Woche in New York und Washington. Auch darüber werde ich in meinem nächsten Bericht schreiben.

Euer Lennart

Über uns

Wir sind die Deutsche Stiftung Völkerverständigung. Die Stiftung ist gemeinnützig; sie hat ihren in Sitz in Ahrensburg der Nähe von Hamburg hat. Für die Aktivitäten arbeitet die Stiftung mit Partnern und Förderern in ganz Deutschland zusammen. Mit diesem Blog wollen wir dir Erfahrungsberichte, Tipps & Tricks zum Thema Schüleraustausch vermitteln.

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